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Schlagwort: geschichte

Friede ernehret, Unfriede verzehret.

Friede ernehret, Unfriede verzehret.

Auf dem Gothaischen Stadtschloss Friedenstein, über dem barocken Eingangsportal, befindet sich ein schöner kleiner Spruch, der mir zu denken gab, als ich ihn das erste Mal las. Er befindet sich in der sog. Friedenskuss-Szene, einer 1650 angebrachten Darstellung, die sich allegorisch auf den Westfälischen Frieden von 1648 bezieht. Der Spruch selbst stammt vom sachsen-coburgischen Herzog Johann-Casimir (1564 – 1633) und wurde von diesem als Wahlspruch verwendet.

Der Westfälische Frieden – die Hoffnung auf Frieden hatte sich nach dreißig Jahren brutalsten Krieges endlich erfüllt. Was 1618 als Aufstand der protestantischen böhmischen Stände gegen den katholischen Kaiser in Wien begann, entwickelte sich zu einem Flächenbrand, der das Heilige Römische Reich (Deutscher Nation) und die umliegenden Gebiete verwüstete. Folter, Vergewaltigungen, Massaker, Brandschatzungen – ein totaler Krieg im Namen zweier Konfessionen. Die schwedische Power-Metal-Band Sabaton drückte es in ihrem Lied „A Decade of War“ (Album: „Carolus Rex“ 2012) so treffend aus: „Two ways to view the world, so similar at times“ („Zwei Arten, die Welt zu betrachten, die sich doch so sehr ähneln“). Mitteleuropa wurde zum Schlachtfeld im Namen des Glaubens, nicht jedoch des Glaubens wegen!

Der Aufstand der böhmischen Stände im Jahr 1618 war nur ein Anlass, die Ursachen liegen weit in der Vergangenheit: Eine dieser Ursachen prägte die Geschichte meiner thüringischen Wahlheimat nachhaltig – das Wirken des ehemaligen Mönches Martin Luther (1483 -1546) und die daraus entspringende Reformation. Nun gab es in Europa nicht mehr „die Kirche“ (schon damals eine schöne Lüge, „die Kirche“ gab es schon längst nicht mehr!), es entstanden konkurrierende Glaubenslehren und -systeme, welche in Folge gnadenlos politisiert wurden. Der katholische römisch-deutsche Kaiser in Österreich, die protestantischen Reichsfürsten in Nord- und Mitteldeutschland. Das katholische Frankreich, im Gegensatz das anglikanische, später protestantische England. Das katholische Polen-Litauen gegen das protestantische Schweden und das orthodoxe Russland. Konfession wurde Politik, spätestens seit dem Augsburger Religionsfrieden (1555), doch schon vorher im Schmalkaldischen Krieg (1546/47) gut sichtbar, als die protestantischen Fürsten Mitteldeutschlands gegen den katholischen Kaiser – offiziell der Konfession wegen, eigentlich aus Machtinteressen – die Waffen erhoben.

Nach dreißig Jahren des totalen Krieges und über einhundert Jahren der religiösen Konflikte beendete der Westfälische Frieden, was im Augsburger Religionsfrieden begonnen wurde: Konfessionskriegen wurde ein Riegel vorgeschoben, denn von nun an galt im gesamten Reich der Leitspruch „cuius regio eius religio“ („Wem die Herrschaft, dem die Religion“). Nun mussten Kaiser und Reichsfürsten sich zu ihrer Machtgier bekennen und konnten sich nicht mehr hinter ihrer Kirche verstecken. Es wurde von nun an offensichtlich, dass es keine „Religions- bzw. Konfessionskriege“ gibt: Der Glaube wurde und wird nur vorgeschoben, um handfeste Machtinteressen zu verschleiern bzw. zu rechtfertigen.

Auch wenn sich die, im Wahlspruch Johann-Casimirs ausgedrückte Hoffnung nicht einmal kurzfristig erfüllte, so hatte der Frieden von 1648 doch endgültig aufgezeigt, dass es nur einen Grund des Krieges gibt: Das Streben nach mehr. Sei dies nun mehr Macht, mehr Einfluss oder mehr Ressourcen – „mehr Glauben“ ist und war noch nie ein wirklicher Grund des Krieges.